Erstes fotographisches Manifest

Die Realität, die die Fotographie in immer neuen Varianten behauptet, ist eine Lüge. Sie gibt vor wirklich zu sein, und verrät damit das Wirkliche; der Dokumentarist ist ein Lügner.
Die Fotographie inszeniert das Wirkliche vom Ort des Objektivs aus. Das fertige Bild verleugnet die Umstände seiner Entstehung. Der Fotograph ist nur am fertigen Bild interessiert, er vergißt darüber die Differenz zwischen Bild und Gegenstand. Das inszenierte Bild ist ihm und dem Betrachter Dokument der Unmittelbarkeit des Lebens.
Das Foto raubt den Dingen ihre eigene Sprache: es sagt triumphierend was sie sind. Die Fotographie bildet die Welt in ihrer Erscheinung nur ab, sie will die Dinge nicht erkennen, sie will ncht dahinter, nicht dazwischen, sondern nur auf die Dinge schauen. Sie entspricht dem kollektiven Bedürfnis nach Vereinfachung. Sie tötet die Phantasie, sie fördert die Faulheit des Geistes und die Trägheit des Herzens. Durch die Möglichkeit der permanenten Reproduzierbarkeit verliert jeder Augenblick seine Einzigartigkeit; er wird überführt in die Bedeutung.
Die herkömmliche Fotographie ist eine Spielerei, sie ist Mord an der Geschichte.
Das Objektiv ist nicht objektiv
Darum: statt Dokumentation Fiktion
  Statt Sichtbarem Unsichtbares
Statt Fotos Poesie
Das vollkommenste Bild ist das Unvollkommenste; Gott steckt im Fleck.
1991